CfA: Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte

Dezember 2nd, 2013

Aufruf zur Mitwirkung: Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Eine Online-Quellenedition

Das Institut für die Geschichte der deutschen Juden sucht Autorinnen und Autoren für die geplante Online-Quellenedition „Schlüsseldokumenten zur deutsch-jüdischen Geschichte von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart“. Die zweisprachige Quellenedition (deutsch/englisch) richtet sich an Studierende und Forschende ebenso wie an SchülerInnen und interessierte Laien. In der ersten Projektphase, für die derzeit Mittel eingeworben werden, sollen am Beispiel von rund 150 Schlüsseldokumenten zur jüdischen Geschichte in Hamburg thematische Schlaglichter auf zentrale Aspekte der lokalen, regionalen sowie der allgemeinen deutsch-jüdischen Geschichte geworfen werden. Neben der Bereitstellung der Materialien als Transkript und PDF-Dokument werden die Quellen durch Interpretations- und Hintergrundtexte in ihre historischen Kontexte eingebettet sowie durch Informationen zur Überlieferung, zur Rezeptionsgeschichte und zu wissenschaftlichen Kontroversen angereichert.

Dazu werden Vorschläge für Quellen zur jüdischen Geschichte Hamburgs gesucht, die zugleich auf allgemeine Fragestellungen der deutsch-jüdischen Geschichte verweisen und exemplarisch für ein größeres Quellenkonvolut stehen. Für die Online-Edition sollen zu den Quellen jeweils eine knappe Beschreibung (150-200 Wörter) sowie ein Interpretationstext (max. 1.500 Wörter) angefertigt werden. Die Quellen sollten sich auf einen der folgenden thematischen Aspekte beziehen:
- Freizeit und Sport
- Organisationen und Institutionen
- Soziale Fragen und Wohlfahrt
- Erziehung und Bildung

Kurze, aussagekräftige Vorschläge für solche Texte, die kurz die Quelle und ihre Einordnung in die Themenkategorie skizzieren sollten, senden Sie bitte bis zum 2. Januar 2014 zusammen mit einem kurzen Lebenslauf an Anna Menny (anna.menny@public.uni-hamburg.de). Wir möchten explizit auch Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler ermuntern, sich zu bewerben.

Mitte Januar 2014 werden Sie von uns Rückmeldung bekommen, ob Ihr Vorschlag angenommen wurde. Sie erhalten dann weitere Informationen und ein stylesheet für die Anfertigung der Texte. Die Abgabe der Texte in deutscher oder englischer Sprache wäre voraussichtlich im April 2014.

Andreas Brämer

Doktorandenforum Venedig 2013

November 28th, 2013

Auf Einladung der „Gesellschaft für die Erforschung der Geschichte des deutschen Judentums“ (GEGJ) fand am 15. und 16. Oktober 2013 ein Doktorandenkolloquium in Venedig im Centro Tedesco di Studio Veneziani und an der Università Ca’ Foscari di Venezia statt. Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Sabine Ullmann (Eichstätt) und Prof. Dr. Robert Jütte (Stuttgart) sowie unter der wissenschaftlichen Begleitung von Prof. Dr. Monika Richarz (Hamburg) und Dr. Martha Keil (St. Pölten) hatten Nachwuchswissenschaftler/Innen aus dem Bereich der jüdischen Geschichte im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit die Möglichkeit, ihre Dissertationsprojekte vorzustellen.

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Die teilnehmenden Doktoranden/Innen kamen aus Dresden (Ramona Sickert M.A), Graz (Julia Gebke M.A), Trier (Andreas Weber M.A), Konstanz (Susanne Härtel M.A.,), Würzburg (Gabi Rudolf M.A), Leipzig (Gabriela Schlick-Bamberger), Darmstadt (Peter Behr M.A), Eichstätt (Oliver Sowa M.A.,), St. Pölten (Mag. Elisabeth Loinig), Tübingen (Bettina Loos M.A.) und Heidelberg (Rosa Reicher M.A.).

Im ersten Tagungsort im Palazzo Barbarigo della Terrazza wurden Forschungsarbeiten zur Geschichte der Juden im Spätmittelalter vorgestellt. Daneben stand die Wirtschaftstätigkeit und Wirtschaftsreglementierung des frühneuzeitlichen Judentums im Mittelpunkt. In der Università Ca’ Foscari di Venezia lag der Themenschwerpunkt auf Forschungsprojekten, die sich mit der jüdischen Geschichte in politischen und territorialen Strukturen der Vormoderne sowie der innerjüdischen Rechts- und Geistesgeschichte auseinandersetzen. Zum Abschluss des Kolloquiums besuchten die Teilnehmer und Veranstalter das jüdische Museum und die Synagogen im Ghetto Novo.

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Das Kolloquium in Venedig war das erste in einer Reihe von geplanten Veranstaltungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs seitens der GEGJ. Der Ort wurde gewählt, weil diese Stadt eine zentrale Rolle im europäischen Judentum der Frühen Neuzeit spielte.

Sabine Ullmann

Forum “Jüdische Geschichte und Kultur” 2014

November 19th, 2013

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Programm für die 15. Arbeitskreistagung des Interdisziplinären Forums “Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit” vom 7.-9.2.2014 steht und wir möchten gemeinsam mit der Akademie alle Interessierten herzlich nach Stuttgart-Hohenheim einladen.

Wie angekündigt soll es gehen um

Juden in der europäischen Wirtschaftsgeschichte vom Spätmittelalter bis in die Moderne.

Das Schwerpunktthema – es gibt daneben eine kleine offene Sektion mit der Vorstellung eines Dissertationsprojekts – ist angesiedelt im Spannungsverhältnis zwischen einer älteren, auf das Wirtschaften der Juden nicht selten mit antisemitischem Blick ausgerichteten Forschung und den jahrzehntelangen Defiziten einer Wirtschaftsgeschichte unter Einbeziehung der Rolle der Juden. Hierfür stehen die Chancen im Kontext eines sich abzeichnenden „economic turn“ in der Geschichtswissenschaft gut. Schließlich soll es auch um eine neue Ethik jüdischer Wirtschaftstätigkeit und deren mögliche historische Vorbilder gehen.

Wir freuen uns, wieder in den Räumen der Akademie in Hohenheim zu Gast sein zu können, und bitten um Anmeldungen mit den üblichen Angaben zu Adresse, An- und Abreisedatum und Zimmerwunsch (EZ, DZ, DZ mit …) in der Akademie bis zum 16. Dezember 2013. Hier steht für organisatorische Fragen Kerstin Hopfensitz im Referat Geschichte (E-Mail: hopfensitz@akademie-rs.de, Telefon: +49 711 1640-752) als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Auch die Preise sind dort zu erfragen. Absagen nach diesem Zeitpunkt können Stornokosten verursachen.

Nähere Informationen zum Forum, seinen Zielen und zu den bislang veranstalteten Tagungen: http://www.forum-juedische-geschichte.de

Wir wünschen Allen ein gutes Jahresende, erholsame Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2014!

Christoph Cluse, Birgit E. Klein und Rotraud Ries

Konferenz: »Invented Jewish Traditions«

November 5th, 2013

Invented Jewish Traditions. Jüdisches Erbe in Europa zwischen Erinnerung und Inszenierung

(Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg, 17. – 20. November 2013)

Seit einigen Jahren lässt sich ein wachsendes Interesse an der jüdischen Vergangenheit beobachten. Staaten, Regionen oder Städte entdecken ihr »jüdisches Erbe« und widmen sich diesem mit einem breit gefächerten Angebot in Form von Museen, Denkmälern, Festivals oder Konferenzen. Dabei kommt es auch zu Interessenskonflikten zwischen Denkmalschüt­zern, Bürgerinitiativen und Historikern. Die Tagung nimmt solche Konflikte in den Blick und fragt danach, wie europäische Länder mit Zeugnissen jüdischen Lebens umgehen. Welche Rolle spielt dabei die eigene Geschichte, wo stehen sich Täter- und Opfergedächtnis gegen­über, wie lassen sich die Interessen der heutigen Erinnerungsakteure mit denen der Erben vereinen? Übernimmt das, was wir als jüdisches Erbe bezeichnen möchten, sinnstiftende Funktionen für die Gegenwart?

Die vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden organisierte Tagung wird in Kooperation mit dem Instituto Cervantes Hamburg ausgerichtet und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie der Axel-Springer-Stiftung finanziell unterstützt.

Das Programm der Konferenz finden Sie hier.

Einladung zum 16. Arye-Maimon-Vortrag

Oktober 28th, 2013

Das Arye Maimon-Institut für Geschichte der Juden lädt ein zum 16. Arye-Maimon-Vortrag an der Universität Trier mit

Prof. Dr. Yosef Kaplan

(Hebräische Universität Jerusalem)

zum Thema

Between Dissimulation and Theology: the Early Modern »Conversos« from Spain and Portugal

am Mittwoch, 6. November 2013, um 18 Uhr
in Hörsaal 10 der Universität Trier (E-Gebäude).

Die Konversionswellen, die das spanische Judentum zwischen 1391 und 1492 erfassten, und die zwangsweise Konversion aller Juden in Portugal 1497 riefen das sog. »Converso«-Problem her­vor. Seit dem Ende des 15. Jahrhundert gab es auf der Iberischen Halbinsel keine offen praktizierenden Juden mehr, doch die ›Neu­christen‹ wurden von der alteingesessenen christlichen Bevölke­rung verdächtigt, dem Christentum gegenüber nicht loyal zu sein und insgeheim die jüdischen Riten und Gebräuche weiter zu be­folgen. Die in Spanien und Portugal aktive Inquisition zielte darauf ab, das Problem des ›Judaisierens‹ unter den Neuchristen zu bekämpfen, während die Statuten der ›Blutsreinheit‹, die in vielen Regierungsämtern, christlichen Orden und den Universitäten An­wendung fanden, gezielt diejenigen diskriminierten, die jüdischer (oder muslimischer) Herkunft waren.

Angesichts dieser Situation entwickelten die Neuchristen diverse Strategien, die es ihnen ermöglichten, sich als in jeder Hinsicht treue Christen darzustellen. Mit der Zeit wurde dieses Spiel ein Teil ihrer Konzeption des jüdischen Glaubens: Heimlichkeit wurde zu einem zentralen Element ihrer Theologie. Dabei nahm das Estherfest eine einzigartige Bedeutung an. Die ›heilige Esther‹ wurde zum Urtyp der Krypto-Jüdin, denn »sie hatte nichts von ihrem Volk und ihrer Abstammung erzählt« (Est 2,10) und bewahrte ihr Judentum im Geheimen.

Prof. Dr. Yosef Kaplan ist Professor für Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem und Mitbegründer der dortigen School of History. Zahlreiche Publikationen, Gastprofes­suren und Ehrungen. Seit 2009 ist Kaplan Vorsitzender der World Union of Jewish Studies.

CfP: Forum »Jüdische Geschichte und Kultur«, 7.-9. Februar 2014

Oktober 4th, 2013

Interdisziplinäres Forum »Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit und im Übergang zur Moderne«; Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Jüdische Rollen in der europäischen Wirtschaftsgeschichte vom Spätmittelalter bis zum Anbruch der Moderne

In den Geschichtswissenschaften gibt es offenkundig eine neue Hinwendung zu den »harten« Themen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Nach zwei Jahrzehnten, in denen ein kulturwissenschaftliches Paradigma unter Leitbegriffen wie »Sprache«, »Geschlecht« und »Raum« in verschiedenen sog. »turns« das Gesicht der alten Geisteswissenschaften tiefgreifend verändert hat, lässt dieses erneute Interesse am Messen, Zählen und Rechnen aufhorchen.

So verwundert es letztlich nicht, dass nun auch für einen »Economic Turn« in der Erforschung der »inneren« jüdischen Geschichte plädiert wird (G. Reuveni, 2011), denn nicht selten ist die Rolle von Juden und Jüdinnen im europäischen Wirtschaftsleben vernachlässigt worden. Zwar war die Geschichte der jüdischen Minderheit in Europa lange Zeit vor allem von nichtjüdischen Historikern auf ihre wirtschaftliche Dimension reduziert worden, häufig sogar mit antisemitischen Implikationen – man denke nur an Werner Sombarts Schrift über Die Juden und das Wirtschaftsleben (1911). Doch seit die New Yorker Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 Insolvenz anmelden musste und damit eine weltweite Finanzkrise auslöste, wird gerade auch von jüdischer Seite nach den religiös-rechtlich-ethischen Grundlagen jüdischen wirtschaftlichen Handelns gefragt (Jewish Commercial Law, 2009; Jewish Perspectives on Finances and the Marketplace, 2010). Zugleich werden aus jüdischer Perspektive wie seit 2011 im Verein »Torat HaKalkala – Verein zur Förderung angewandter jüdischer Wirtschafts- und Sozialethik« heutige wirtschaftspolitische Herausforderungen formuliert und aktuelle Entwicklungen und Tendenzen bewertet. Dies wiederum lässt nach Vorbildern in der jüdischen Tradition fragen. So äußert sich das erneute Interesse auch in neuen historischen Forschungsarbeiten, die auf die Einbettung der wirtschaftlichen Dimension in eine Kultur  und Sozialgeschichte der Juden und der christlich-jüdischen Beziehungen zielen.

Das »Interdisziplinäre Forum Jüdische Geschichte und Kultur« wird seit dem Jahr 2000 von einem informellen Arbeitskreis aus Historikerinnen und Historikern, Judaistinnen und Judaisten veranstaltet (siehe www.forum-juedische-geschichte.de). Im Mittelpunkt der jährlichen Arbeitstagungen stehen aktuelle Forschungsvorhaben und  ergebnisse zur jüdischen Geschichte in der Frühen Neuzeit; das »Forum« ist dabei offen für Themen vom späten Mittelalter bis zum frühen 19. Jahrhundert.

Für die 15. Arbeitstagung, die vom 7. bis 9. Februar 2014 in der Akademie in Stuttgart-Hohenheim stattfinden wird, bitten wir um Einreichung von Themenvorschlägen. Die (thematisch gern breit gestreuten) Beiträge sollten möglichst einen Bezug zum Tagungsthema aufweisen; daneben wird es auch in diesem Jahr wieder eine »offene« Sektion geben, in der auch andere aktuelle Vorhaben (z. B. Dissertationsprojekte) vorgestellt werden können.

Bitte senden Sie Ihren Vorschlag mit einer Kurzbeschreibung bis zum 18. Oktober 2013 an Christoph Cluse (cluse@uni-trier.de), Birgit E. Klein (birgit.klein@hfjs.eu) oder Rotraud Ries (ries@forum-juedische-geschichte.de).

Den Gewohnheiten des »Forums« entsprechend werden die Reise- und Aufenthaltskosten von allen Teilnehmenden selbst getragen; dies gilt auch für Referentinnen und Referenten. Die Kosten für die gesamte Tagung inklusive Unterkunft und Verpflegung belaufen sich voraussichtlich auf 122 EUR (EZ).

Konferenz »Europas Juden um 1400«

September 16th, 2013

Unter dem Titel »European Jewry around 1400: Disruption, Crisis, and Resilience« (»Europas Juden um 1400: Brüche, Krisen, Resilienz«) veranstaltet das Arye Maimon-Institut für Geschichte der Juden (Forschungszentrum Europa, Universität Trier) vom 29. September bis zum 2. Oktober 2013 eine internationale Konferenz.

Das Ziel dieser Konferenz ist eine Zusammenschau der diversen radikalen Strukturbrüche, denen die jüdischen Gemeinschaften in Europa in den Jahrzehnten von ca. 1380 bis ca. 1420 ausgesetzt waren. Die Konferenz fragt nach den wechselseitigen Einflüssen und den nachhaltigen Wirkungen dieser Ereignisse auf das europäische Judentum.

Welche gemeinsamen Faktoren in Religion, Herrschaft und Ökonomie kennzeichnen die unterschiedlichen Vorgänge in Kontinentaleuropa und im mediterranen Raum? Wie reagierten die jüdischen Gemeinden? Konnten sie sich davon erholen, und wenn ja, wie?

Die Konferenz ist öffentlich, Gäste sind willkommen. Nähere Informationen finden Sie im Programm an dieser Stelle.

Christoph Cluse

XVI. Symposium für jiddische Studien

September 16th, 2013

Das XVI. Symposium für jiddische Studien in Deutschland wird vom 16. bis 18. September 2013 an der Universität Trier stattfinden. Dieses von den Jiddistik-Lehrstühlen der Universitäten Trier und Düsseldorf jährlich im Wechsel veranstaltete jiddistische Forum soll Forscherinnen und Forschern die Möglichkeit geben, ihre Projekte vorzustellen, Ideen auszutauschen und Fragen zur Diskussion zu stellen.

Das Programm finden Sie hier.

Die GEGJ auf dem WCJS

Juli 11th, 2013

Auf dem “16th World Congress of Jewish Studies”, der vom 28. Juli bis 2. August in Jerusalem stattfindet, ist die GEGJ mit einer beträchtlichen Zahl von Mitgliedern vertreten. Im Programm fand ich nicht weniger als 25! Dazu zählen

M. Aptroot, R. Barzen, F. Battenberg, J. Christophersen, L. Clemens, C. Cluse, A. Göller, G. K. Hasselhoff, U. Hausmann, A. Haverkamp, E. Haverkamp, E. Hollender, A. Holtmann-Mares, V. Kasper-Marienberg, B. Klein, A. Lehnardt, H. Liss, J. Müller, L. Raspe, G. Schlick, D. Schnur, B. Siegel, M. Studemund-Halévy, M. J. Wenninger, I. J. Yuval.

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Nachruf auf Prof. Dr. Stefi Jersch-Wenzel

Februar 22nd, 2013

Stefi Jersch-Wenzel, geboren 1937 in Berlin, studierte Geschichte an der Freien Universität Berlin. Schon während ihres Studiums lag der Schwerpunkt ihres Interesses auf der Geschichte der deutschen Juden, die damals nur in Berlin gelehrt wurde. Sie promovierte 1964 bei Adolf Leschnitzer über „Jüdische Bürger und kommunale Selbstverwaltung in preußischen Städten 1808–1848“. Anschließend eröffnete sich ihr die Möglichkeit, bei der Historischen Kommission zu Berlin zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zu arbeiten. Hier entstand auch ihre Studie „Juden und ‚Franzosen‘ in der Wirtschaft des Raumes Berlin-Brandenburg zur Zeit des Merkantilismus“, mit der sie sich 1975 an der Technischen Universität Berlin habilitierte.

In der Habilitationsschrift entwickelte Stefi Jersch-Wenzel ihren zweiten Forschungsschwerpunkt, die vergleichende Erforschung von Minderheiten. Hierzu publizierte sie 1985 die weitere Studie „Der mindere Status als historisches Problem. Überlegungen zur vergleichenden Minderheitenforschung“. Dem gleichen Thema war der mit Barbara John 1990 herausgegebene materialreiche Sammelband gewidmet „Von Zuwanderern zu Einheimischen. Hugenotten, Juden, Böhmen, Polen in Berlin“. Auch in zahlreichen Aufsätzen beschäftigte sie sich immer wieder mit den Minderheiten in der preußischen Gesellschaft und ihrer wirtschaftlichen Funktion. Ihre Forschungen waren auf Preußen konzentriert und hier vor allem auf seine östlichen Provinzen, wie Posen und Schlesien, sowie Berlin und Brandenburg. Der zeitliche Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit lag auf dem 17. bis 19. Jahrhundert.

Vielen wird Stefi Jersch-Wenzel in Erinnerung bleiben als Geschäftsführerin der Historischen Kommission zu Berlin (1978–1981) und Leiterin der dortigen neu gegründeten Sektion für deutsch-jüdische Geschichte 1981–1995. Drei Jahrzehnte lang bildete die Historische Kommission ihren eigentlichen wissenschaftlichen Arbeitsplatz. Im Jahr 1981 wurde Stefi Jersch-Wenzel apl. Professorin im Institut für Geschichtswissenschaft der TU Berlin und lehrte seitdem dort jedes Semester jüdische Geschichte. Sie versammelte einen Kreis von Doktoranden um sich, aus dem eine Reihe wichtiger Bücher zur deutsch-jüdischen Geschichte hervorging. Ihre eigenen Publikationen zur jüdischen Geschichte umfassten auch Sammelwerke, wie „Bild- und Selbstbild der Juden Berlins zwischen Aufklärung und Romantik“, ediert 1992 mit Marianne Awerbuch. An der von Michael Meyer für das Leo Baeck Institut herausgegebenen „Deutsch-jüdischen Geschichte in der Neuzeit“ beteiligte sie sich als Mitautorin von Band 2 (1780–1871), erschienen 1996.

Als der Berliner Senat die Schließung der Historischen Kommission zu Berlin als wissenschaftlicher Einrichtung beschloss, fand Stefi Jersch-Wenzel 1995 eine neue Position in Leipzig. Hier wirkte sie 1995–1998 als Gründungsdirektorin des Simon Dubnow Instituts für jüdische Geschichte und Kultur, wo sie unter anderem eine Konferenz über „Juden und Armut in Mittel- und Osteuropa“ veranstaltete. – Schon seit 1992 widmete sie sich zusammen mit Reinhard Rürup der Projektleitung zur Herausgabe von Spezialinventaren, die 1996–2001 in sieben Bänden erschienen unter dem Titel „Quellen zur Geschichte der Juden in den Archiven der neuen Bundesländer. Dies Projekt wurde bis 1996 von der Historischen Kommission getragen, nach deren Ende vom Institut für Geschichtswissenschaft der TU. In Fortsetzung dieser Quelleninventare leitete Stefi Jersch-Wenzel dann unter der Trägerschaft der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften das Projekt „Quellen zur Geschichte der Juden in polnischen Archiven“, die sie 2003–2005 in zwei Bänden publizierte. Diese beiden Bände verzeichnen die Dokumente in den Archiven der ehemaligen preußi-schen Ostprovinzen und entstanden in internationaler Zusammenarbeit mit polnischen Archivaren. Beide Archivprojekte wurden unterstützt und gefördert von der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts in der Bundesrepublik. Diese insgesamt neun Inventare, erstellt mit zahlreichen Mitarbeitern, sind als Handwerkszeug für die jüdische Geschichte Preußens heute unverzichtbar und von bleibender Bedeutung.

Stefi Jersch-Wenzel war mit zahlreichen wissenschaftlichen Institutionen ihres Faches verbunden, vor allem mit dem internationalen Leo Baeck Institut (LBI) in London, New York und Jerusalem. Sie gehörte 1989 bis 2012 zum Vorstand der wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des LBI in der Bundesrepublik und war Mitglied im Beirat des LBI Year Book.

Nicht zuletzt amtierte Stefi Jersch-Wenzel 1988–2007 als stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden und als Mitherausgeberin von deren wissenschaftlicher Reihe. Darüber hinaus war sie Vorstandsmitglied des Forschungsinstituts für die Geschichte Preußens, Mitglied im Beirat der Zeitschrift Aschkenas und Beiratsmitglied der Otto und Martha Fischbeck-Stiftung zur Förderung des Wissenschaftskollegs Berlin.

Nach einem erfolgreichen Leben voller Arbeit für die Erforschung, die Lehre und die Institutionen der deutsch-jüdischen Geschichte starb Stefi Jersch-Wenzel mit 75 Jahren im Januar 2013. Sie gehörte zu den allerersten Historikerinnen und Historikern, die dieses Fachgebiet, das jüdische Forscher seit dem 19. Jahrhundert weitgehend außerhalb der Universitäten ent¬wickelt hatten, nach dem Holocaust in Deutschland wieder aufzubauen begannen.

Als Pionierin der deutsch-jüdischen Geschichte in der Bundesrepublik wird ihre Leistung unvergessen bleiben.

Monika Richarz