Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Erinnerung an Prof. Dr. Rolf Kießling

Mittwoch, Juli 15th, 2020

(25. Juli 1941 – 22. Juni 2020)

Man würde sich so gerne noch einmal mit ihm austauschen, über einen neuen Quellenfund diskutieren, sich seinen Rat für ein Vorhaben einholen und herzlich mit ihm über die Ab- und Irrwege der akademischen Zunft lachen. Der Tod von Rolf Kießling hat viele Kolleginnen und Kollegen, viele seiner Schülerinnen und Schüler tief und trotz seiner langen Krebserkrankung überraschend getroffen. Dies hat sicher mit seiner geistigen Präsenz und seiner ungebremsten Schaffenskraft bis zuletzt zu tun. Rolf Kießling war für viele von uns der konstante, verlässliche und stets zugewandte Freund und wissenschaftliche Gesprächspartner, der sein Gegenüber immer mit Respekt, Freundlichkeit und einem ehrlichen Interesse bedachte. Auch der akademische Nachruf muss mit dieser menschlichen Würdigung beginnen. Denn für Rolf Kießling war wissenschaftliches Arbeiten immer vom Dialog getragen, im Sinne eines hierarchiefreien gedanklichen Austausches, der eine ansteckende Begeisterung und Neugierde für den Forschungsgegenstand vermittelte. Dabei konnte er seine Gesprächspartner inspirieren und motivieren wie kaum ein anderer. Die großen Erfolge in seinem Wirken als akademischer Lehrer lagen aber auch in der Weite seines Denkens begründet, die Freiheit und Freiraum ließ und doch stets begleitete und unterstützte.

Der gebürtige Augsburger studierte in München und legte dort 1966 das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab. Nach seiner Promotion 1969 bei Karl Bosl über „Bürgerliche Gesellschaft und Kirche in Augsburg im Spätmittelalter“,[i] einer vielzitierten Pionierstudie zum strukturellen Verhältnis von Stadt und Kirche, war er bis 1992 im gymnasialen Lehrdienst am Bayernkolleg in Augsburg tätig. Neben dem Schuldienst habilitierte er sich 1985 mit der Schrift „Die Stadt und ihr Land. Umlandpolitik, Bürgerbesitz und Wirtschaftsgefüge in Ostschwaben vom 14. bis ins 16. Jahrhundert“.[ii] Auch mit dieser Arbeit stieß er in Neuland vor, indem er die damals noch traditionell verfassungsgeschichtliche Ausrichtung der Stadtgeschichte um das Forschungskonzept der Stadt-Umland-Beziehungen erweiterte und damit das Verhältnis der Stadt zum umliegenden Land gänzlich neu beschrieb und bewertete. Nach einer Vertretungsprofessur an der KU Eichstätt für Theorie und Didaktik der Geschichte erhielt er 1994 den Ruf auf den Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg, wo er bis 2007 wirkte.

Sein wissenschaftlicher Stellenwert wird an den beiden Festschriften deutlich, die ihm zum 65. und 70. Geburtstag überreicht wurden.[iii] Als Landeshistoriker waren seine quellenreichen Studien am Raum Schwaben orientiert – am städtischen Raum wie am Umland und der Region. Seine fachspezifische Forschungsaufgabe als Landeshistoriker hat er stets auch als methodische Herausforderung begriffen und dabei die Debatte um die Perspektiven des Faches mitgestaltet. Die Geschichte Schwabens hat er in völlig neuer Weise gedacht: Auf der Basis eines offenen Raumverständnisses waren für ihn nicht in erster Linie die Grenzziehungen der Territorial- und Herrschaftsgeschichte entscheidend, sondern der dynamische Prozess bei der Konstitution von räumlichen Strukturen als Folge menschlichen Handelns. Auf diesem Wege entstanden über die Jahre durch sein intensives Forschen innerhalb Schwabens Wirtschaft-, Städte- und Bildungslandschaften. Zu seinen Innovationen, mit denen er die Geschichte Schwabens neu schrieb,[iv] gehörte auch die Entdeckung, dass diese Region in der Vormoderne zu den zentralen Siedlungslandschaften des europäischen Judentums in Mitteleuropa zählte.

Die ‚jüdische Landschaft‘ Schwabens gehörte in der Folge zu seinen wichtigsten Forschungsthemen, mit denen er weit über die Landesgeschichte hinaus nationale und internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung erfahren hat. Am Beginn stand eine Tagung im Juli 1992, die sich der Geschichte der jüdischen Gemeinden in Augsburg und Schwaben widmete und an der viele der späteren wissenschaftlichen Wegbegleiter teilnahmen. Diesem ersten Zugriff folgte die Konzentration auf das frühneuzeitliche Landjudentum, das bei dieser Tagung als das entscheidende Forschungsdefizit erkannt wurde. In der ihm eigenen Bescheidenheit und Bedachtheit formulierte er am Ende seiner Einleitung: „Ob der Anfang tragfähig ist, mögen die Leser und Rezensenten des vorliegenden Bandes entscheiden“.[v] Und er war tragfähig: daraus entwickelte sich ein außerordentlich fruchtbarer Forschungsschwerpunkt, der eine ganze Reihe an regionalen Fallstudien seiner Schülerinnen und Schüler hervorbrachte[vi] sowie weitere Tagungsbände,[vii] die zu Standardwerken für die Erforschung des Landjudentums wurden und letztlich auch seine langjährige Mitgliedschaft in der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden e.V. begründeten. Sein Artikel zu den jüdischen Gemeinden in der Neuausgabe des Handbuchs der Bayerischen Geschichte von 2007 dokumentiert die Anerkennung seiner Arbeiten in der bayerischen Landesgeschichte.[viii] In seiner Funktion als Vorsitzender der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft Augsburg begründete er dazu eine eigene wissenschaftliche Buchreihe: die Quellen und Darstellungen zur jüdischen Geschichte Schwabens. Dabei hat er nicht nur Schwaben für die deutsch-jüdische Geschichte erschlossen, sondern auch landesgeschichtliche Ansätze für die Geschichte des Judentums im Reich fruchtbar gemacht: die Einbettung der rechtlichen Rahmenbedingungen jüdischer Existenz in die Territorialgeschichte gehört ebenso dazu wie die konsequente Berücksichtigung der wirtschafts-, sozial- und siedlungsgeschichtlichen Strukturbedingungen des nichtjüdischen regionalen Umfeldes. Dass er die Zusammenschau dieser Forschungen noch in einem großen Standardwerk zur jüdischen Geschichte Bayerns 2019 publizieren konnte, ist ein Geschenk an die künftige Forschung und sein Vermächtnis.[ix] Auch eine seiner letzten Arbeiten galt der jüdischen Geschichte Schwabens. Die detailreiche Karte der jüdischen Siedlungen in mehreren Zeitschnitten ist charakteristisch für seinen methodischen Zugriff.[x] Die aussagekräftige Vielfalt der dort eingetragenen Informationen erschließt sich nicht durch einen raschen Mausklick, sondern erfordert eine aufmerksame Auseinandersetzung mit den Befunden – auch dieses Statement zur Komplexität gehört zu den Merkmalen seines wissenschaftlichen Werkes.

Nicht nur hier – aber auf diesem Feld vielleicht besonders wirkungsvoll – überschritt er gerne die Grenzen des Wissenschaftsbetriebes. Das Vermitteln von Wissenschaft an ein breites Publikum war ein fester Bestandteil seines Selbstverständnisses als Landeshistoriker. Gerade für die jüdische Geschichte der Vormoderne ging es ihm darum, auch an die Gemeinsamkeiten christlicher und jüdischer Lebenswelten zu erinnern und die wichtige Rolle jüdischer Kultur für die regionalen historischen Traditionen zu betonen. Vielfältig waren seine Vortragstätigkeit, sein organisatorisches Engagement im „Netzwerk Historische Synagogenorte in Bayerisch-Schwaben“ und sein Wirken in der Lehrerbildung. Insbesondere das Jüdische Museum Augsburg Schwaben, wo er den Vorsitz des Wissenschaftlichen Beirats lange Jahre innehatte, profitierte von seiner Kooperation. Wenn heute die jüdische Geschichte fester Bestandteil der historischen Erinnerungskultur Schwabens ist und zugleich das frühneuzeitliche Landjudentum Schwabens zum Wissenskanon der deutsch-jüdischen Geschichte gehört, dann ist das sein Verdienst. Er lebt weiter in seinem Werk und im Gedächtnis von vielen.

Sabine Ullmann


[i]  Rolf Kießling, Bürgerliche Gesellschaft und Kirche in Augsburg im Spätmittelalter. Ein Beitrag zur Strukturanalyse der oberdeutschen Reichsstadt (Abhandlungen zur Geschichte der Stadt Augsburg Bd. 19), Augsburg 1971.

[ii] Rolf Kießling, Die Stadt und ihr Land. Umlandpolitik, Bürgerbesitz und Wirtschaftsgefüge in Ostschwaben vom 14. bis ins 16 Jahrhundert (Städteforschung Bd. 29), Köln u.a. 1989.

[iii] Johannes Burkhardt/Thomas Max Safley/Sabine Ullmann (Hgg.), Geschichte in Räumen. Zum 65. Geburtstag, Konstanz 2006; Dietmar Schiersner/Andreas Link/Barbara Rajkay/Wolfgang Scheffknecht (Hgg.), Augsburg, Schwaben und der Rest der Welt. Festschrift zum 70. Geburtstag, Augsburg 2011.

[iv] Rolf, Kießling, Kleine Geschichte Schwabens, Regensburg 2009.

[v] Rolf Kießling (Hg.), Judengemeinden in Schwaben im Kontext des Alten Reiches (Colloquia Augustana Bd. 2), Berlin 1995, S. 19.

[vi] Johannes Mordstein, Selbstbewußte Untertänigkeit. Obrigkeit und Judengemeinden im Spiegel der Judenschutzbriefe der Grafschaft Oettingen 1637-1806 (Quellen und Darstellungen zur jüdischen Geschichte Schwabens Bd. 2), Epfendorf 2005; Monika Müller, Judenschutz vor Ort: Jüdische Gemeinden im Fürstentum Pfalz-Neuburg (Quellen und Darstellungen zur jüdischen Geschichte Schwabens Bd. 5), Augsburg 2016; Claudia Ried, Zeit des Umbruchs? Die Auswirkungen des bayerischen Judenedikts auf die schwäbischen Landjudengemeinden (1813-1859) (Quellen und Darstellungen zur jüdischen Geschichte Schwabens Bd. 6) im Druck; Sabine Ullmann, Nachbarschaft und Konkurrenz. Juden und Christen in Dörfern der Markgrafschaft Burgau 1650 bis 1750 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte Bd. 151), Göttingen 1999.

[vii] Rolf Kießling/Sabine Ullmann (Hgg.), Landjudentum im deutschen Südwesten während der Frühen Neuzeit (Colloquiua Augustana Bd. 10), Berlin 1999; Rolf Kießling/Peter Rauscher/Stefan Rohrbacher/Barbara Staudinger (Hgg), Räume und Wege. Jüdische Geschichte im Alten Reich 1300-1800 (Colloquia Augustana Bd. 25), Berlin 2007.

[viii] Rolf Kießling, Die Jüdischen Gemeinden, in: Alois Schmid (Hg.), Handbuch der Bayerischen Geschichte, begründet von Max Spindler Bd. IV/2: Das Neue Bayern von 1800 bis zur Gegenwart: Die innere und kulturelle Entwicklung, München 2007, S. 356-384.

[ix] Rolf Kießling, Jüdische Geschichte in Bayern. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (Studien zur jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern Bd. 11), Berlin/Boston 2019.

[x] Rolf Kießling/Sabine Ullmann, Jüdische Niederlassungen in Schwaben, in: Hans Frei/Gerhard Hetzer/Rolf Kießling (Hgg.), Historischer Atlas von Bayerisch-Schwaben, 2. Aufl., 6. Lieferung Karte XII,6, Augsburg 2019.

Forum – neue Tagungsberichte

Montag, Oktober 28th, 2019

Die Berichte über die 19. und die 20. Arbeitstagung des »Forums Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit« (2018 und 2019) sind jetzt online auf www.forum-juedische-geschichte.de zu finden. Wir weisen bei dieser Gelegenheit nochmals auf den Call for Papers zur kommenden 21. Arbeitstagung hin.

Red.

German Israeli Archival Exchange Colloquium

Dienstag, Dezember 11th, 2018

Erfreulicherweise konnte das Institut für die Geschichte der deutschen Juden Mittel einwerben, die es ermöglichen, ein drittes German Israeli Archival Exchange Colloquium (GIAEC) stattfinden zu lassen. In Zusammenarbeit mit der Tel Aviv University wird so das IGdJ ein GIAEC abhalten, welches sich an Doktoranden richtet, die noch nicht so gut mit der Archivlandschaft in Deutschland und Israel vertraut sind, dies aber für die jeweiligen Forschungsprojekte wichtig wäre. Das GIAEC bietet den Doktoranden an, eine Woche durch Deutschland (2019) und eine Woche durch Israel (2020) gemeinsam zu reisen. Dabei werden Thema und Quellenlage diskutiert und verschiedene Archive aufgesucht und damit auch Archivbestände erschlossen und z.T. durchgeschaut. Das Format verbindet also Elemente eines klassischen Doktorandenworkshops und eines Archivseminars.

Den Call for Applications finden Sie hier. Bewerbungsschluss ist der 15. Januar 2019.

Björn Siegel, Hamburg

Historikertag 2018: Bericht über die Sektion der GEGJ

Dienstag, Dezember 11th, 2018

Der Sektionsbericht, verfasst von Amelie Sagasser und Mareike Hartmann, ist nun online.

CC

Buchgeschichte und jüdische Geschichte in der Frühen Neuzeit

Freitag, Dezember 15th, 2017

Die 19. Arbeitskreistagung des Forums Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit widmet sich der Rolle des Buches in der jüdischen Kultur der Frühen Neuzeit. Neben Überlegungen zu Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Handschrift und Druck werden wir uns mit Buchproduktion und Büchermarkt, mit Gestaltung, Besitz und Gebrauch von Büchern befassen. Wie sind jüdische Bücher überliefert? Was sagen Vorworte und andere Paratexte aus, und welche Ansichten gibt es in der nichtjüdischen Umwelt über das Verhältnis von Juden und Jüdinnen zu ihren Büchern?

Wir laden alle Interessierten herzlich ein und bitten um schriftliche Anmeldung in der Akademie mit den üblichen Angaben bis zum 26. Januar 2018.

Das „Interdisziplinäre Forum Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit“ wird seit dem Jahr 2000 durch einen Arbeitskreis aus HistorikerInnen, JudaistInnen und VertreterInnen weiterer Fächer veranstaltet. Im Mittelpunkt der jährlichen Tagungen steht die Diskussion aktueller Fragestellungen und Forschungsvorhaben. Das „Forum“ widmet sich Themen vom späten Mittelalter bis zum frühen 19. Jahrhundert und ist offen für alle, die sich wissenschaftlich mit dieser Epoche der jüdischen Geschichte und Kultur befassen.

Weitere Informationen finden Sie auf http://www.forum-juedische-geschichte.de/

Marion Aptroot, Christoph Cluse, Lucia Rapse und Rotraud Ries

Edition der Koblenzer Memorbücher

Donnerstag, Oktober 5th, 2017

Am 15. November wird die Edition der Memorbücher der jüdischen Gemeinden von Koblenz und Ehrenbreitstein durch Nathanja Hüttenmeister (Steinheim-Institut) der Öffentlichkeit vorgestellt. Darauf wies uns Dr. Ulrich Offerhaus freundlicherweise hin.

Die Veranstaltung findet um 19 Uhr im Historischen Rathaussaal (Eingang Jesuitenplatz) statt.

Näheres entnehmen Sie der beigefügten Presseankündigung.

cc

CfP – Buchgeschichte und jüdische Geschichte

Freitag, September 22nd, 2017

Forum jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit 2018

Call for Papers

Buchgeschichte und jüdische Geschichte in der Frühen Neuzeit

Dass das Judentum eine „Buchreligion“ und Juden ein „Volk des Buches“ seien, ist ein Gemeinplatz, der weit mehr meint als die Tatsache, dass die Tora von alters her das Zentrum der jüdischen Religionsausübung bildet. Die Schlagworte rufen – vor allem außerhalb der jüdischen Gesellschaft selbst – Assoziationen auf, die einen besonders engen Bezug von Juden und Jüdinnen zum geschriebenen Wort und zur Kultur des Buches unterstellen. Diese Bilder verdienen auch und gerade im Hinblick auf die Frühe Neuzeit eine genauere Betrachtung.

In den Kulturwissenschaften ist seit etwa zwei Jahrzehnten eine vermehrte Auf­merksamkeit für die Rolle der Gegenstände und des Materiellen in menschlichen Gesellschaften zu verzeichnen. In der historischen Forschung äußert sich derselbe Trend in einer neuen Wertschätzung der sogenannten „Hilfswissenschaften“ und in der vertieften Analyse der materiellen Formen, in denen historische Quellen entstanden und in denen sie überliefert sind.

Vor diesem Hintergrund widmet sich das „Interdisziplinäre Forum Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit“ mit seiner 19. Arbeitstagung der Rolle des Buches in der jüdischen Geschichte. Dazu sind Kurzbeiträge (max. 30 Minuten) besonders zu folgenden Themenbereichen willkommen:

  • Mündlichkeit und Schriftlichkeit (Erzählen und Aufschreiben; die Wahl der Sprache; Buchführen und Bewahren; Lesen und Vorlesen; auswendig Lernen und Aufführen …)
  • Die Buchproduktion und ihre Akteure (Kopisten, Typographen, Setzer und Drucker, Herausgeber, Buchbinder …)
  • Buchformate und Buchgestaltung (Nutzung und Produktion von Hand­schriften im Zeitalter des Drucks; Pergament und Papier; Formate; Illuminationen und Druckgrafik …)
  • Der Büchermarkt und seine Akteure (Buchhändler und Verleger; Auflagen und Nachdrucke, Raubkopien und die Entwicklung des „Copyright“; Gelegenheitsschriften und Ephemera; die ersten Periodika …)
  • Buchbesitz und Buchgebrauch (Gemeinden und andere Institutionen; Männer und Frauen; Gelehrte und weniger Gelehrte; Christen und Juden; Sammler und Bibliothekare …)
  • Überlieferungsbedingungen und ‑kontexte (jüdische und nichtjüdische Bibliotheken, Archive und Sammlungen; Genisot; Einbandfragmente …)
  • Texte über Bücher (Vorworte und Einleitungen; Rezeptionszeugnisse; Rezensionen …)
  • Ansichten über Juden und ihre Bücher (die Zensur jüdischer Bücher; der Reuchlin-Pfefferkorn-Streit; Juden und ihre Bücher in Einblattdrucken und Flugschriften …)

Im Mittelpunkt der Diskussion stehen damit die materiellen, „äußeren“ Aspekte des Buches, weniger die Texte selbst, die in den Büchern enthalten sind. Neben dem Leitthema wird es aber auch im Rahmen der 19. Arbeitstagung wieder Gele­genheit geben, aktuelle Promotionsprojekte oder andere Forschungsvorhaben zur Diskussion zu stellen.

Das „Interdisziplinäre Forum Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit“ wird seit dem Jahr 2000 durch einen Arbeitskreis aus HistorikerInnen, JudaistInnen und VertreterInnen weiterer Fächer veranstaltet. Im Mittelpunkt der jährlichen Tagungen steht die Diskussion aktueller Fragestellungen und Forschungsvorhaben. Das „Forum“ widmet sich Themen vom späten Mittelalter bis zum frühen 19. Jahrhundert und ist offen für alle, die sich wissenschaftlich mit dieser Epoche der jüdischen Geschichte und Kultur befassen.

Die Arbeitstagung findet von Freitag bis Sonntag, 16.–18. Februar 2018, in Kooperation mit dem Referat Geschichte der Katholischen Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Tagungszentrum Hohenheim statt. Wie bei Arbeitskreisen üblich, tragen die Teilnehmenden, auch Referentinnen und Referenten, ihre Kosten selber. Im Einzelfall ist jedoch ein Zuschuss durch die Akademie oder die GEGJ möglich.

Bitte senden Sie Ihren Vorschlag mit einer Kurzbeschreibung bis zum 31. Oktober 2017 an Marion Aptroot (aptroot@phil.hhu.de), Christoph Cluse (cluse@uni-trier.de) oder Lucia Raspe (raspe@em.uni-frankfurt.de). Wir freuen uns auf Ihre Ideen und verbleiben

mit kollegialen Grüßen

Marion Aptroot (Düsseldorf) – Christoph Cluse (Trier) – Lucia Raspe (Frankfurt a. M./Berlin)

Forschungen zur Geschichte der Juden online

Dienstag, Juni 27th, 2017

Die ersten Bände der Reihe »Forschungen zur Geschichte der Juden«, die die GEGJ gemeinsam mit dem Arye Maimon-Institut für Geschichte der Juden der Universität Trier herausgibt, sind nun online verfügbar. Nach und nach werden alle Bände, die im Verlag Hahnsche Buchhandlung erschienen sind, auf dem OPUS-Server der Universitätsbibliothek Trier bereitgestellt. Die Bände, die seit 2016 im Verlag Harrassowitz erscheinen, können nach einer Karenzzeit von zwei Jahren ebenfalls open access gestellt werden.

CC

Neuerscheinung – Juden in Franken

Dienstag, März 21st, 2017

In der Publikationsreihe unserer Gesellschaft ist soeben erschienen:

Juden in Franken zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit: Die Grafschaften Castell und Wertheim im regionalen Kontext, Wiesbaden: Harrassowitz, 2016 (Forschungen zur Geschichte der Juden, Abt. A: Abhandlungen, Bd. 26).

ISBN 978-3-447-10768-6, 89,- Euro.

Die Anwesenheit von Juden »auf dem Lande« ist typisch für die Region Franken in der Frühen Neuzeit, nach den Vertreibungen aus den wichtigsten Territorien und Städten des spätmittelalterlichen Reiches. Warum sie typisch wurde und wie das Zusammenleben von Juden und Christen in der »Zwischenzeit« des 15. bis 17 Jahrhunderts, am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit gestaltet wurde, darüber war bisher nur wenig bekannt.

Die vorliegende Arbeit bietet erstmals einen gesicherten Überblick zur jüdischen Siedlungsentwicklung in Main- und Tauberfranken für diesen Zeitraum. In detaillierten Analysen untersucht sie das Beziehungsgeflecht zwischen Juden, Gemeinde und Obrigkeit unter besonderer Berücksichtigung herrschaftlicher Aspekte: Sie fragt nach den Motiven und Methoden herrschaftlichen Umgangs mit den Juden in Franken, nach den Besonderheiten des Zusammenlebens auf teilweise engem Raum in Dörfern und Kleinstädten und nach der Gestaltung jüdisch-christlicher Handelsgeschäfte. Dabei geraten auch Ausgrenzungstendenzen gegen Juden in den Blick, die in Hinblick auf ihre politisch-rechtlichen, ideologischen und religiösen Hintergründe eingeordnet werden.

Um sich den Herausforderungen des Lebens »auf dem Lande« zu stellen, adaptierten die jüdischen Gemeinden und Gemeinschaften ihre Organisationsformen und ‑methoden. In Rödelsee beispielsweise, einem kleinen fränkischen Winzerdorf an der Mainschleife, unterhielten bis zu zweihundert Juden eine eigene Synagoge, einen jüdischen Friedhof sowie eine Talmudschule.

CC

CFP: Juden in Konfessionalisierungsprozessen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert – Projektionen, Opfer und Akteure

Mittwoch, September 28th, 2016

17.-19. Februar 2017, Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim

Interdisziplinäres Forum Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Bewerbungsschluss: 24.10.2015

 

Anlässlich des 500. Jahrestages der lutherischen Reformation geht schon lange der „Reformations-Virus“ um. Davon ließen sich die Organisator*innen des Forums für jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit nicht direkt infizieren. Sie möchten sich jedoch auf ihrer nächsten Tagung damit befassen, was Juden für die innerchristlichen Konfessionalisierungsprozesse bedeuteten, welche Folgen die Konfessionalisierung für die Juden hatte und ob und wie sich innerjüdische Konfessionalisierungsprozesse – nicht nur, aber auch – im Vergleich zu den christlichen bis ins 19. Jahrhundert entfalteten. Damit wollen sie auch einen Beitrag zur Forschungsdiskussion um die Konfessionalisierungsthese/das Konfessionalisierungsparadigma leisten.

1. Bedeutung der Juden für die Konfessionalisierungen

Ausgehend von der Annahme, dass konfessionalisierende Politik die Schaffung von monokonfessionellen Herrschaftsgebieten anstrebte, stellt sich die Frage nach der Bedeutung der jüdischen Minderheit für diese Prozesse. Zählten die Juden als konfessioneller Gegner, als Religionsgruppe, die in letzter Konsequenz überall hätte ausgewiesen werden müssen? Bestimmten allein konfessionspolitische Erwägungen die Judenaufnahmen, Judenpolitik und die Gesetzgebung („Judenordnungen“)? Lässt sich die Konfessionalisierungsthese aus dem Blickwinkel der jüdischen Geschichte bestätigen oder bedarf sie vielmehr einer (weiteren) Modifizierung.

2. Bedeutung der Konfessionalisierungen für die Juden

Neben der Betrachtung der konfessionalisierenden Politik gegenüber Juden sollen auch die jüdischen Handlungsspielräume und Verhaltensmuster untersucht werden. So stellt sich die Frage nach dem Einfluss der „Konfessionalisierung von unten“ auf soziale und wirtschaftliche Beziehungen zwischen Christen und Juden, nach den politischen Handlungsmöglichkeiten der Juden „zwischen den konfessionellen Fronten“ – z.B. in den verschiedenen Religionskriegen der Zeit – und nach den  Einstellungen der Juden zu den Akteuren und Phänomenen der Ära. Schließlich lässt sich auch fragen, ob jüdische Migrationsbewegungen durch eine konfessionelle Politik motiviert waren.

3. Die „Konfessionalisierung des Judentums“

Dass Juden keinen Staat mit entsprechenden politischen Durchsetzungsmechanismen besaßen, bedeutet nicht, dass es im Judentum keine konfessionalisierenden Tendenzen gegeben hätte. Sie sind eher auf der Ebene der Ausbildung von Konfessionskulturen zu suchen, in Selbstreglementierung (z.B. in Minhagim-Büchern und Gemeindestatuten, Bekämpfung von Synkretismus und falschem Messianismus) sowie in religiösen Kodifizierungen (Schulchan-Aruch und Mappa), Moralbüchern (Mussar-Literatur), Katechismen (z.B. Lekach Tow von Abraham Jagel und die 13 Ikkarim des Maimonides) und (religiösen) Bildungsprogrammen/-reformen.

Ausgehend von den christlichen Konfessionalisierungen stellt sich zudem die Frage nach der Relevanz eines Gegenübers, gegen das die Abgrenzung erfolgt. Wie ist vor diesem Hintergrund die Differenz zwischen Aschkenasen und Sefarden zu bewerten, bildeten sie eigene (konfessionelle) Identitäten aus? Und wie sind die Entwicklungen des 19. Jahrhunderts mit Reformjudentum, Konservatismus und/oder Neo-Orthodoxie zu sehen?

Das Forum ist grundsätzlich für weitere Themenvorschläge aus einem breiter aufgefassten Verständnis von Konfessionalisierung offen, wie etwa die Frage danach, ob ethnographische Schriften über die Juden (Pfefferkorn, Margaritha, Schudt, Eisenmenger etc.) ein Bild vom Judentum als einer Konfession zeichneten und ob es denn je nach christlicher Konfession unterschiedliche Judenbilder gab. Auch Vorschläge zu Themen aus Regionen außerhalb des Heiligen Römischen Reichs wie etwa zur Inquisition in Spanien, zur Judenaufnahme im Cromwell-England oder zum Einfluss der Gegenreformation auf die Judenpolitik in Böhmen sind herzlich willkommen.

 

Wir bitten um Abstracts von max. 500 Wörtern bis zum 24.10.2016 an Rotraud Ries: ries@forum-juedische-geschichte.de.

Die Vorträge sollten 20-25 Minuten nicht überschreiten.

Die Tagungsteilnehmer tragen die Tagungskosten selbst. In begründeten Ausnahmefällen kann ein Zuschuss zu den Kosten gewährt werden.

 

Konzeption und Organisation:

Avi Siluk, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt, Institut für Judaistik

Dr. Rotraud Ries, Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte, Würzburg

Prof. Dr. Rebekka Voss, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt, Institut für Judaistik

Dr. Petra Kurz, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Stuttgart Hohenheim